Zu früh, zu spät?

Gibt es zum Sterben einen richtigen Zeitpunkt? Durch die moderne Medizin lässt sich das Unvermeidliche immer weiter hinausschieben. Fragt sich wozu.

Hatte sie den richtigen Zeitpunkt verpasst? Hatten die Ärzte sie nicht beizeiten sterben lassen? Im Verlauf des letzten Jahres war es mit Martha rapide bergab gegangen. Eine schwere Erkältung hatte die schon länger von Parkinson Betroffene geschwächt, dann folgte ein Blasensturz und schliesslich der Zusammenbruch. Die Ärzte hatten um ihr Leben gekämpft und gesiegt. Martha lebt noch. Bloss wie? Es sei eine Katastrophe, sagt ihr Sohn und erzählt, dass der Vater nachts manchmal mehr als zehnmal von der verwirrten Mutter geweckt werde und völlig am Ende sei mit den Nerven. Vor den enormen Kosten einer Betreuung der Kranken in einem Heim scheut die Familie zurück, aber lange kann es so nicht weitergehen.

Vor meinem inneren Auge tauchen alte Menschen auf, die ich in Altersheimen gesehen habe. Passiv und zum Teil körperlich beeinträchtigt oder mit geistigen Demenzen vegetierten sie vor sich hin. Auf Kontakt reagierten sie kaum oder gar nicht mehr, als seien sie nicht mehr ganz von dieser Welt. Eine Frage kristallisiert sich in mir: Kann es sein, dass viele Menschen heute den richtigen Zeitpunkt zum Sterben verpassen? Da mich diese Frage sehr beschäftigt, erzähle ich Freunden und Bekannten davon. Aber nicht wie gewohnt, entspinnt sich daraus ein Gespräch. Zumeist folgt auf meine Worte ein betretenes Schweigen, und dann wechselt jemand das Thema.

Ist der Tod in unserer Gesellschaft noch immer tabu? Oder habe ich die Frage falsch formuliert? Wäre es passender, die Hypothese aufzustellen: «Heutzutage lässt man viele Menschen nicht zum richtigen Zeitpunkt sterben»? Bei wem liegt in diesem Zusammenhang die Verantwortung? Beim alten, vielleicht kranken Menschen selbst oder bei den Ärzten, den Angehörigen, der Gesellschaft?

Leistungsfähig

Wir leben in einer Gesellschaft, die ältere Menschen einerseits wenig achtet, andererseits aber alles tut, um sie so lange wie möglich am Leben zu halten. Ein seltsames Paradoxon. Ältere Menschen, die von jüngeren Generationen respektiert werden, wie dies beispielsweise in China und Japan der Fall ist, wo die konfuzianische Philosophie noch dominiert, sind beinahe ebenso leistungsfähig wie jüngere. Jedenfalls überflügeln ostasiatische Alte bei weitem ihre amerikanischen Altersgenossen, denen es nicht vergönnt ist, die gleiche Wertschätzung zu geniessen. Dies hat eine Untersuchung ergeben, die in der französischen Zeitschrift La Recherche im September 1995 publiziert wurde.

Es ist interessant zu sehen, was Achtung, Respekt und Wertschätzung bewirken. Ähnliches bewirkt, wie neuere Forschungen in Amerika zeigen, auch ein Hormoncocktail der modernen Medizin. Eine Hormonersatztherapie vermag die Vitalität und Fitness alter Menschen beträchtlich zu steigern, ja es scheint, dass damit dem Alterungsprozess zumindest über einen gewissen Zeitraum hinweg die Stirn geboten werden kann. Zwei Wachstumshormonspritzen täglich und ein Set weiterer Hormone, die oral eingenommen oder eingerieben werden, für rund Fr. 1000.- im Monat sind der Preis für die neue Leistungsfähigkeit im Alter.

Untersuchungen und Forschungen weisen stets in dieselbe Richtung: Leistungsfähigkeit steht mit Schönheit und Jugendlichkeit zuoberst auf der Werteskala des modernen Menschen. Wo bleibt die Weisheit? Ist es illusionär, sie bei älteren Menschen mit Lebenserfahrung zu suchen? Über dem Leistungsanspruch und der Orientierung an Aktivität geht so manches verloren. Auch die Auseinandersetzung mit dem Unvermeidlichen wird meist verdrängt. Wen wundert's da, dass viele Menschen von Krankheit und Tod überrumpelt werden?

Bereit oder nicht?

Mit 41 Jahren erlitt Anita eine Hirnblutung und starb einen ungewöhnlich frühen Tod. Aber auch Helmut erlag, trotz vorgängiger Angina Pectoris, unvorbereitet einem Herzinfarkt. 72 Jahre sind ja auch noch kein Alter! Helmut hinterliess ein Haus, das vom Keller bis unters Dach vollgestopft war mit Möbeln, alten Akten und Gegenständen, die man später vielleicht einmal hätte brauchen können. Die Finanzen waren nicht geregelt, es gab kein Testament, und niemand wusste darüber Bescheid, wie der Verstorbene sein Begräbnis wünschte. Tod und Sterben waren bei ihm nie ein Thema gewesen.

Was würde ich hinterlassen, wenn ich heute aus dem Leben schiede? Was möchten Sie zurücklassen, wenn bei Ihnen die Zeit gekommen ist?

Schon bevor bei meiner siebzigjährigen Tante Krebs diagnostiziert wurde, war sie zum Sterben bereit. «Sie war immer aktiv und arbeitete, konnte nie einen Moment einfach nur sein», erzählt ihre Tochter. Dann war sie des Lebens müde. Lebensverlängernde Massnahmen lehnte sie von vornherein strikte ab mit der Begründung, dass einige Monate Verlängerung niemandem etwas brächten. Sie bereinigte ihre Angelegenheiten so, dass sie möglichst keine Spuren hinterlassen würde. Nachdem sie durch einen Hirnschlag einseitig gelähmt und der Sprache beraubt worden war, deutete sie durch ein Verschliessen des Mundes an, dass sie auch keine Nahrung mehr aufnehmen wollte. Zehn Tage später, die letzten Tage ganz ohne Flüssigkeitsaufnahme, starb sie. Auch wenn ich meiner Tante einen genussvollen Lebensabend in Musse gewünscht hätte, hat mich die Klarheit, mit der sie dem Tod entgegensah, und die Art, wie sie diese Welt verliess, beeindruckt.

Ob meine Tante sich des öfteren mit dem Thema Sterben befasst hatte, weiss ich nicht. Die meisten spirituellen Schulen empfehlen eine Auseinandersetzung mit dem Tod zu Lebzeiten. Sogyal Rinpoche, Autor von Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben, schreibt: «Intensives Nachdenken über die Bedeutung des Todes und die vielen Facetten der Vergänglichkeit befähigt uns, vollen Nutzen aus unserem Leben zu ziehen, solange wir noch Zeit haben; und es führt dazu, dass wir sterben können, ohne Bedauern zu empfinden und ohne uns vorwerfen zu müssen, unser Leben verschwendet zu haben.»

Ein Roman, in dem eine alte Indianerin ihrer Tochter ankündigt, sie werde in drei Monaten sterben, hat mich sehr beschäftigt. Obwohl sich ihre Umwelt dagegen auflehnt, stirbt die alte Frau zur angegebenen Zeit einen friedlichen Tod. Ist das nur in Romanen möglich? Tatsächlich haben Indianer den Ruf, selbst ihren Todeszeitpunkt vorauszusehen, aber, wie im Film 'Little Big Man' sehr schön gezeigt wird, klappt es nicht immer.

Der Todeszeitpunkt liegt nicht in unserer Hand. Der Tod ist unberechenbar, kann jeden Moment eintreten, hatte ich stets zu hören bekommen und auch geglaubt. Ein Unfall, eine Krankheit, wir wissen nicht, was auf uns zukommt, und wir können angesichts des Todes keinen Einfluss nehmen. Oder doch? Gibt es zum Sterben einen richtigen Zeitpunkt, und können wir diesen ohne ärztliche Hilfe und ohne Hand an uns zu legen vielleicht vorauswissen oder gar mitbestimmen?

Hüter des Schicksals

Mitten in meinen inneren Auseinandersetzungen mit dem Tod beklagte sich mein Vater eines Abends über Schmerzen in der Brust mit Ausstrahlung zum Magen hin. Der Notfallarzt diagnostizierte Magenprobleme und spritzte ein Schlafmittel. Die Nacht war schlimm, der nächste Tag nicht besser. Ein zweiter Notfallarzt verwies ihn am nächsten Tag sofort ins Krankenhaus, wo er in der Nacht einen Herzstillstand erlitt.

Bei der Wiederbelebung wurden einige Rippen gebrochen und Infusionen zur Verabreichung von Sauerstoff, künstlicher Ernährung und Medikamenten gesteckt. Noch sei alles auf der Kippe, man wisse nicht, ob der 75jährige sich erholen werde oder sich sein Zustand weiter verschlimmere. Zudem sei ungewiss, ob er geistig oder physisch Schaden erlitten habe, da sein Gehirn für einige Minuten keinen Sauerstoff erhalten habe.

Hätte dies alles nicht sein müssen, wenn der erste Arzt eine richtige Diagnose gestellt hätte? Wie nie zuvor wurde ich mir der Macht der Ärzte über Leben und Tod bewusst und auch ihrer Verantwortung. Wut, Angst, Hilflosigkeit und Trauer wallten in mir auf. Die Ärzte hatten meinem Vater zwar das Leben gerettet. Aber was für ein Leben und für wie lange?

«Soll ich beten, dass er leben kann, oder soll ich beten, dass er sterben kann?» fragte mich Vaters Freundin an einem der nächsten Tage am Krankenbett des Bewusstlosen. «Bitte darum, dass das geschieht, was für ihn richtig ist», erwiderte ich, innerlich bereit, meinen Vater wieder unter den Lebenden zu begrüssen oder von ihm Abschied zu nehmen. Obwohl er im Koma war, einem künstlichen Koma, hatte ich viel mit ihm gesprochen, ihm alles gesagt, was ich zu sagen hatte. Als ich von meinen liebevollen Gefühlen sprach, wurde beim Auge des Bewusstlosen plötzlich eine kleine Wasserlache sichtbar. Ich war dankbar für diese Stunden am Krankenbett.

Zweite Chance

«Katzen haben sieben Leben», sagt man. Menschen scheinen mit der modernen Medizin auch immer mehr zu erhalten. Silvia ist vor gut zwanzig Jahren in den Bergen abgestürzt und hat nur dank der modernen Medizin überlebt. «Hast du nie gedacht, die hätten dich besser sterben lassen?» frage ich, während ich Silvias Rollstuhl durch ein Wäldchen schiebe. «Vor dem Unfall hatte ich oft Selbstmordgedanken, ich habe sogar einen Selbstmordversuch gemacht», erzählt sie. «Hinterher habe ich mir während der ersten Jahre Selbstmord als eine Option offengelassen, aber jetzt ist das schon länger kein Thema mehr», sagt die vielseitig engagierte Übersetzerin. Heute ist sie froh, am Leben zu sein.

Mario, der vor 16 Jahren durch ein Attentat beinahe ums Leben gekommen wäre, ist dankbar für jede Minute, die er lebt. Beide Menschen hat der Tod in jungen Jahren gestreift, und sie haben ihre zweite Lebenschance gepackt. Wie steht es aber, wenn Menschen in einem hohen Alter eine zweite Chance erhalten?

Ernst ist 87 Jahre alt. Er erlitt vor zwei Jahren einen Hirnschlag. Seither hat sein Gedächtnis kontinuierlich abgenommen, und es wird eine zunehmende Demenz festgestellt. Nun wird er mit Verdacht auf eine Lungenentzündung ins Akutspital eingeliefert. Soll man behandeln oder nicht? Er selbst ist aufgrund der verstärkten Demenz nicht fähig, dies zu entscheiden. Die Behandlung der Lungenentzündung nimmt dem Patienten die Chance, durch einen voraussichtlich raschen Tod von einem chronischen Leiden erlöst zu werden. Darf man ihn sterben lassen? Darf man ihn am Leben erhalten? Was würden Sie in dieser Situation für sich wünschen? Wer das für sich entscheiden will und kann, tut gut daran, seinen Willen in einer Patientenverfügung festzulegen. Sonst werden andere entscheiden.

Grenzverschiebungen

«Was macht ihr, wenn ein Patient im Heim einen Schlaganfall erleidet und zwischen Leben und Tod schwebt?» fragte ich einen Arzt, der in einem geriatrischen Heim arbeitet. Er zögerte mit der Antwort, überlegte: «Es kommt darauf an. Wenn es eine Person ist, die alleine und vereinsamt ist, wird man auf lebensverlängernde Massnahmen eher verzichten, als wenn die Person regelmässig Besuch erhält und von Angehörigen umsorgt wird.»

Sind die Überlebenschancen mit einem intakten sozialen Umfeld besser? Vielleicht, doch wenn sie nicht bereit sind loszulassen, können Mitmenschen den Sterbeprozess auch erschweren.

Die unterschiedlichsten Faktoren spielen in den Entscheidungsprozess über die Verschiebung des Todeszeitpunktes hinein. Bereits gibt es Anzeichen, dass vermehrt auch die Kosten einer Behandlung berücksichtigt werden, obwohl dies von offizieller Seite noch vehement bestritten wird. Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen und die Folgekosten der höheren Lebenserwartung führen in ein finanzielles Debakel.

Werden in bezug auf lebensverlängernde Massnahmen im hohen Alter vielleicht bald Entscheidungen von Staates wegen getroffen? Eine öffentliche Diskussion über Sinn und Unsinn des medizinisch Möglichen und Machbaren drängt sich je länger je mehr auf. Die grosse Gefahr dieser Auseinandersetzung liegt wohl darin, dass sich alte Menschen als Last vorkommen könnten und sie sich zur aktiven Beendigung ihres Lebens gedrängt fühlen. Die Chance sehe ich in einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Leben und im Annehmen des Lebensendes.

Emotionen

Wie emotionsgeladen und heikel Themen rund um den Tod sind, ist mir während der Arbeit zu diesem Artikel immer wieder aufgefallen. Es war leicht, mit Menschen darüber zu sprechen, die sich damit auseinandersetzen. Bei Menschen, die den Tod verdrängen, brauchte es einiges an Überwindung, das Thema dennoch anzuschneiden. Stellte ich dabei die «Heiligkeit des Lebens» nicht absolut in den Vordergrund, wurde die Stimmung oftmals unbehaglich, so dass ich mich zuweilen fragte, ob ich unmenschlich sei, weil ich die Länge des Lebens nicht fraglos als höchstes Gut betrachte.

Auch ist mir aufgefallen, dass die Generation der heute Siebzig- und Achtzigjährigen tendenziell weniger bereit ist, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen als die Generation ihrer Kinder. Ob dies mit der altersbedingten Todesnähe zu tun hat oder mit den Schrecken einer in der Jugend durchlebten Kriegszeit weiss ich nicht. So mancher, der in seiner Jugend niemals alt werden wollte, ändert im Verlauf der Jahre seine Meinung.

Die eingangs erwähnte Martha sagte auch im Spital noch eindeutig «ich will leben». Heute geht es ihr und ihren Angehörigen etwas besser, sie lebt im Pflegeheim.

«Das ist ja kein Leben mehr», hatte mein Vater gesagt, nachdem er sich zwar einigermassen erholt hatte, doch den Verlust von Vitalität und Bewegungssicherheit betrauerte. Fünf Monate nach dem Herzinfarkt hat er zu seinem inneren Gleichgewicht zurückgefunden und erfreut sich wieder des Lebens.

Der Zeitpunkt des Todes

Die Betrachtung des Lebens im Hinblick auf den Tod und die Berichte von Menschen mit Nahtoderfahrungen lassen vermuten, dass uns mehrere mögliche Zeitpunkte zum Sterben vorgegeben sind und dass sich das Ende bis zu einem gewissen Grad verschieben lässt.

Meine Mutter, die schwer an Krebs erkrankt war, wäre mit Sicherheit Tage oder gar Wochen früher gestorben, hätte sie nicht die Ankunft meines Bruders aus dem Ausland erwartet. Nachdem sie ihren Sohn ein letztes Mal gesehen hatte, starb sie noch am selben Abend. Tatsächlich weisen Studien auf die Möglichkeit eines Hinauszögerns des Todes hin, wenn der sterbende Mensch einen Geburtstag, eine Hochzeit oder sonst ein wichtiges Ereignis noch erleben möchte. Aus der subjektiven Sicht des Sterbenden wird das Leben durch solche Ereignisse rund und kann abgeschlossen werden.

Aber können wir auch selber Einfluss nehmen, ohne Selbstmord zu verüben? Können wir den für uns richtigen Zeitpunkt bestimmen, wie die alte Indianerin, die sichtlich keine gravierende Erkrankung hatte? Manche Berichte über sterbende Menschen lassen dies vermuten. Elisabeth Kübler-Ross, die berühmte Sterbeforscherin, meinte jedoch bereits vor zwei Jahren, zum Sterben bereit zu sein. Sie wartet noch immer auf den Tod. Vielleicht ist uns, bei unserer Fixierung auf das Mögliche und Machbare, der Instinkt für den richtigen Zeitpunkt abhanden gekommen. Ich hoffe, dass wir ihn wieder finden.

Colette Grünbaum Flury




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