Euthanasie

Die Niederlande sind der erste westliche Staat, in dem Sterbehilfe keine strafrechtlichen Konsequenzen hat. Diese Regelung gilt dort seit 1993. Mittlerweile gehen in Holland 15% aller Todesfälle auf Sterbehilfe zurück. Die Euthanasie wird in Deutschland seither wieder heftig diskutiert. Befürworter der Sterbehilfe stützen sich dabei häufig auf die Thesen des australischen Bioethikers Peter Singer, der wegen seiner fragwürdigen Ansichten in der Bundesrepublik einige Jahre sogar Redeverbot hatte.

Sterbehilfe ja oder nein?

Über diese Frage hat sich Siegried Schmelze mit der Diakoniewissenschaftlerin und Pfarrerin Dr. Astrid Giebel unterhalten.

Schmelze: Euthanasie heißt eigentlich «schöner Tod». Wie stehen Sie dazu? Ist das nicht an sich schon Euphemismus?

Giebel: Ja, der schöne Tod, so wie er im antiken Griechenland verstanden wurde, umfasste tatsächlich das würdige Sterben, den ehrenvollen Tod. Euthanasie hat als Begriff einen Bedeutungswandel erlebt, der im letzten Jahrhundert einsetzte als sich die Mediziner der sozialen Frage annahmen. Sie führten den Begriff "schöner Tod" ein, um die Balanceexistenzen, so wie sie dann nach und nach bezeichnet wurden, zu beseitigen. Sie wollten damit den Volkskörper, wie sie es nannten, gesund erhalten und die große finanzielle Bürde, die mit Menschen aus sozialen Randgruppen verbunden war, beseitigen. Dieses Gedankengut wurde dann im Dritten Reich besonders deutlich umgesetzt, wo hunderttausende alte, kranke Menschen den Euthanasieaktionen zum Opfer gefallen sind.

Sie haben den geschichtlichen Abriss ganz kurz gegeben. Wie stehen Sie persönlich dazu?

Ich glaube, dass Menschen heute würdig sterben können, wenn sie zum Beispiel - wie es in der Hospizbewegung praktiziert wird - schmerzfrei gehalten werden. Das ist medizinisch durchaus möglich. Dieses große Schreckgespenst, diese Angst - ich quäle mich in den letzten Zügen - kann man durchaus wegnehmen. Jeder Mensch kann heutzutage von medizinischen Aspekten her würdig und glücklich sterben.

Jetzt möchte ich Sie mit zwei von vielen Thesen konfrontieren, die Peter Singer aufgebraucht hat. Er sagt zum einen: nicht alles menschliche Leben ist im gleichen Masse wertvoll oder unverletzlich.

Der Mensch ist das Ebenbild Gottes. Gott hat den Menschen als sein Gegenüber geschaffen, ihm die Würde gegeben, auch über die Tierwelt erhoben. Bei Peter Singer empfinde ich eine Vermischung. Er sagt zum Beispiel, dass auch ein Schwein, dass etwas älter ist und sich kleine "Kunststücke" eingeprägt hat, einen höheren Wert als ein neugeborenes Schwein oder ein altersverwirrter Mensch hat. Diese Vermischung kann ich nur ablehnen.

Eine zweite These, mit der ich Sie konfrontieren will, ist: Die einzige Grundlage der Ethik ist die Vernunft. Ist es das?

Für mich ist die Grundlage der Ethik Gottes Wille, so wie er ihn in seinem Wort, in der Bibel, offenbart hat. Natürlich kann man nicht von der Bibel unmittelbare Handlungsanweisung für jede Frage des Lebens ableiten. Es werden dennoch Linien sichtbar, die es zu finden gilt. Dabei ist zu fragen: Was möchte Gott für unser Leben, damit es gelingt? Dazu hat er Regeln und Richtlinien als Hilfen gegeben wie zum Beispiel: die anderen nicht zu bestehlen, nicht in andere Ehen einzubrechen und eben andere nicht zu töten. Genau in diesen Bereich fällt für mich das Thema "Euthanasie". Da macht sich der Mensch zum Richter über das andere Leben und bestimmt den Zeitpunkt, wann dieses Leben sein Ende hat. Ich denke, dass Gott einmal danach fragen wird: was habt ihr da getan und dass er ein klares Urteil dazu treffen wird.

Nun gibt es ja viele, die sagen: man muss da auch unterscheiden, zum Beispiel zwischen einem schwerstbehinderten Säugling, der sowieso nicht viele Lebenschancen hätte und einem Unfallopfer, Menschen in mittleren Lebensjahren, der in Koma liegt und wo nie erwartet werden kann, dass er wieder aufwacht oder wiederum einem ganz alten Menschen, der lebenssatt ist und sagt: "Ich bin so krank, ich möchte sterben, ich bin bereit zu sterben, helft mir dabei!". Das sind ja alles sehr unterschiedliche Situationen, in denen Menschen sind. Der eine kann sich bewusst dafür entscheiden, der andere hat gar keine Möglichkeit. Wie sehen Sie das? Muss man da auch unterschiedlich mit der Frage der Sterbehilfe umgehen?

Natürlich hat die Intensivmedizin Möglichkeiten, die durchaus auch zum Segen wie zum Fluch dienen können; dass zum Beispiel kleine Kinder am Leben erhalten werden, die vor 20, 30, 40 Jahren einfach gestorben wären. Da denke ich, dass es wichtig ist, verantwortlich zu handeln und lebenserhaltende Maßnahmen einzuleiten. Dennoch - nicht lebenserhaltende Maßnahmen um jeden Preis. Bei den Komapatienten die an Herz-Lungenmaschinen hängen, sind es ganz schwierige Grenzfragen, die sehr sensibel zu behandeln sind. Ich entdecke aber eine lebensverachtende Tendenz - das ist Zeitgeist, der sich auszuprägen beginnt - wo eher überlegt wird, ab wann man tatsächlich die Grenzen setzen kann und dass man versucht, sie immer früher zu setzen. Die Frage ist also: ab wann lohnt sich das Leben nicht mehr? Bei jemandem wie Peter Singer entdecke ich zum Beispiel, dass sich schon sehr früh Leben nicht mehr lohnt; dass man den Menschen, die keine Angehörige mehr haben, auch diese lebensverkürzende Mittel gibt, statt das soziale Umfeld neu zu gestalten, sie in Beziehungsgeflechte einzubeziehen. Statt in diese Richtung zu denken wird überlegt: ab wann lohnt es sich nicht mehr, ab wann gebe ich den Löffel ab. Das ist für mich eine völlig falsche Denkrichtung.

Wenn ich nun das mit einem Satz zusammenfassen kann: Sie plädieren für Sterbebegleitung als Alternative zur Sterbehilfe.

Ganz genau!

Mit freundlicher Genehmigung Gästebuch Netscape: "Die beste kirchliche Site Österreichs"




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